Bock auf Bock?

Text und Bilder: Chrissie Gleich

Schon bereits vor dem 16. Jahrhundert sagte man den Steinböcken von Horn bis Huf magische Kräfte nach. Dieser Aberglaube führte zur fast vollständigen Ausrottung des imposanten Gebirgstiers. 1936 begann die Wiederansiedlung in den deutschen Alpen bei Berchtesgaden. Bei einer offiziellen Zählung wurden 2016 bereits 730 Tiere ermittelt.

 

Eine der größeren Populationen in Deutschland findet sich in den Allgäuer Alpen. Die majestätischen Tiere mit ihrem beeindruckenden Gehörn leben Sommer wie Winter oberhalb der Baumgrenze. Sie sind in schwindelerregendem steilen Gelände zu Hause und bewegen sich sagenhaft leichtfüßig an den senkrechten Wänden empor. Für das menschliche Auge fast schon Zauberei. So manch ein Bergsteiger wird sicher neidisch.

 

Wer diesen imposanten Tieren gerne in ihrer natürlichen Umgebung statt in einem Zoo begegnen möchte, ist auf der sogenannten Steinbockroute genau richtig.

 

Hat man genügend Freizeit, sollte man unbedingt in 5 Tagen die ganze Tour gehen. Begonnen wird in Oberstdorf, wo man sich die Fellhornbahn zur Hilfe nehmen kann. Von der Berg- oder Mittelstation wird über schönste Wege, die Alpenrosen säumen, zur Fiderepasshütte gewandert. Erste Gelegenheit sich zu stärken - und wer möchte, kann dort nächtigen. Für ausdauernde Wanderer geht es gleich weiter zur Mindelheimer Hütte. Hier besteht schon die Gelegenheit auf die ersten Tiere zu treffen. Rund um die Hütte hat sich eine größere Herde angesiedelt. Für sportliche Bergsteiger bietet sich oberhalb der Fiderepasshütte auch der Mindelheimer Klettersteig als Alternativweg an. Der wachsame Klettersteiggeher kann nun bereits die ersten Steinbockbegegnungen machen. Am nächsten Tag geht’s weiter über den Schrofenpass zur Rappenseehütte. Sollte man am Vortag noch keinen Bock gesichtet haben, so hat man ziemlich sicher dennoch Glück, denn jetzt trifft man auf andere behäbige Alpenbewohner: die Murmeltiere. Sie fühlen sich in den Grashügeln vor der Rappenseehütte besonders wohl. Wer aufmerksam hinhört, kann die lustigen Gesellen »pfeifen« hören.

 

Bild: Martin Hehle

An der Rappenseehütte angekommen genießt man von der großen Terrasse am besten bei Kaffee und Kuchen einen umwerfenden Blick auf den Rappensee und die umliegenden Berge. Wer auf der Tour zusätzliche Gipfel sammeln will, steigt auf den Hochrappenkopf und den Rappenseekopf. Lohnenswert der Ausblick auf der einen Seite tief ins Illertal und auf der anderen ins Lechtaler Gebirge. Auch blickt man von dort oben direkt auf den mächtigen, zum Greifen nahe gelegenen Biberkopf und genießt die Aussicht auf den Weg, der am nächsten Tag noch vor einem liegt.

 

Nach der Rappenseehütte startet bald der Heilbronner Weg. Ein bekannter und beliebter Höhenweg durch den Allgäuer Hauptkamm. Ab hier ist es beinahe unmöglich, nicht auf Steinböcke zu treffen. Aber die Augen muss man schon offenhalten, denn oft findet man sie hoch über den eigenen Köpfen in steilen Wänden wie Perlen an einer Kette emporsteigen. Da sie ihr Fell in den graubraunen schroffen Felsen bestens tarnt, muss man auf Bewegungen achten. Es lohnt sich auf jeden Fall, schon direkt nach der Hütte immer wieder die Blicke nach links und rechts schweifen zu lassen.

Über große Felsen führt uns die Strecke zum Einstieg des Heilbronner Wegs. Wer einen kleinen Umweg nicht scheut, hält sich vor dem Einstieg rechts und besteigt mit dem Gipfel des Hohen Lichts den zweithöchsten Berg der Allgäuer Alpen. Wieder zurück am Einstieg geht’s gleich durchs Heilbronner Thörle, einem schmalen Felsdurchgang, der den Start der Tour einläutet. Auf und über Leitern gelangt man über die Steinschartenköpfe vorbei am Wilden Mann und steht bald schon am Gipfelkreuz des Bockkarkopfs. Von hier steigt man mit Blick auf die vor einem liegende Hochfrottspitze und Mädelegabel bergab und »stolpert« mit etwas Glück über in der Sonne faulenzende Böcke. Auf den hellen, von der Sonne aufgewärmten Steinen fühlen sich die großen Tiere wohl, sie lassen sich nicht einmal durch größere Wandergruppen aus der Ruhe bringen. Meist ist der Heilbronner Weg ab Anfang Juni vom DAV hergerichtet und zur Begehung freigegeben. Zu dieser Jahreszeit hat man die Gelegenheit, nicht nur alte, groß behornte Böcke zu erblicken, sondern auch Kitze, die das Kraxeln erst noch lernen müssen.

 

Je nachdem, in welchem Rhythmus man die Route angeht, steigt man in der Bockkarscharte ab zum Waltenberger Haus und verbringt auf der 2016 neu gebauten Hütte eine Nacht. Abends springen dort gerne aus Richtung der Trettachspitze kommend einige Steinböcke an der Terrasse vorbei und verschwinden in der Abendsonne hinter den

Felsen der Berge der guten Hoffnung. Hat man hier genächtigt, muss man am nächsten Morgen wieder 400 Höhenmeter ansteigen, sofern man noch bis zur Kemptener Hütte weiter und bei ausreichender Kondition die Mädelegabel ebenfalls einplanen will. Wer hier allerdings sein Ziel schon gefunden hat und einige tolle Schnappschüsse vom König der Alpen schießen konnte, kann durch sanfte Wiesenwege in die Spielmannsau, statt wie von der Kemptener Hütte nach Einödsbach absteigen. Landschaftlich lohnenswert sind beide Varianten. Reicht die Zeit für eine weitere Etappe, dann lassen sich nach einer Nacht auf der Kemptener Hütte verschiedene Ziele anpeilen. Für Hochmotivierte steht der Große Krottenkopf als höchster Berg der Allgäuer Alpen bereit, alternativ kann man auch den kürzeren Weg zum Muttlerkopf in Angriff nehmen. So oder so hat man nach den vergangenen Tagen sicher jede Menge zu erzählen und Eindrücke mit nach Hause zu nehmen. Vielleicht kann der ein oder andere auch hernach einen Bock auf Hochglanzpapier gedruckt als Erinnerung in sein Wohnzimmer hängen.

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