Die Siulinc

Text und Bilder: Benni Sauer

und ihre zwölf Apostel.

 

Was der Grünten für das Allgäu ist, das ist der Säuling für die Ammergauer Alpen. Ein markanter Felsturm, alleinstehend und von weither sichtbar. Ein Wächter. Mahnend, drohend aufgetürmt. So wie der Säuling einen Wächter längst vergangener Zeiten ist, so ist sein Westgrat unweigerlich ein Schwert. Eine mächtige Klinge, tief in die Erde gerammt. So tief, dass es das Flachland von den Bergen trennt. Eine gigantische Schneide, zwischen Himmel und Erde. Geschmiedet aus 200 Millionen Jahre altem Kalk und mit zwölf schroffen Zähnen: Den zwölf Aposteln.

 

Pilgerfahrt

Ich muss mich schon strecken um den einzigen Griff in meiner Nähe zu erreichen. Noch ein weiter Spreizschritt und die erste kurze Schlüsselstelle ist geschafft. Wenig später werde ich mit meinem Freund auf dem Pilgerschrofen stehen.


Schon einige Meter unter dem Gipfel ließ sich die Aussicht erahnen. Ganz kurz hatten wir einen wundervollen Blick hinab auf den Schwan- und Alpsee. Und trotzdem trifft einen die volle Wucht erst ganz oben. Wir stehen zwischen zwei Welten. Im Norden reihen sich die vielen Seen der Allgäuer Voralpen an einender. Im Süden türmen sich die Tannheimer Gipfel hinauf in den hellblauen Morgenhimmel. Gehrenspitze, Kellenspitze, Gimpel. Klingende Namen. Fels, den ich schon oft in den Händen halten durfte.
Der Säuling aber ist anders.

 

Eine gute halbe Stunde vorher verließen wir den Wanderweg vom Säulinghaus kommend, an der Staatsgrenze zwischen Deutschland und Österreich. Weglos ging es bergauf. Durch das Unterholz und über glitschige Graspolster. Genuss sieht anders aus, aber hier heiligt der Zweck die Mittel und wir strebten wie Spürhunde dem höchsten Punkt entgegen. Erst kurz vor dem Gipfel hielten wir zum ersten Mal festen Fels in den Händen und setzten zum berühmten Spreizschritt an.

Ein Aussichtsberg par excellence

Natürlich, man kann sich nicht wirklich sattsehen, wenn man auf dem Pilgerschrofen steht. Aber das muss man auch nicht, denn die Aussicht dürfen wir von nun an ununterbrochen genießen. Wir legen die Gurte an und setzen die Helme auf. Vorbei am Österreichischen Kreuz, rüber zum Deutschen und schon stehen wir vor ihnen. Zwölf Türme. Ein Chaos aus Fels, Latschen und sonstiger Vertikalflora. Ein Grat hinüber zur Säulingwiese ist auf die Schnelle überhaupt nicht zu erkennen und trotzdem ist die Wegfindung von nun an immer einfach.


Ganz hinten thront der Gipfel, die Siulinc, was so viel bedeutet wie Säule und dem Berg einst seinen Namen gab. Unverkennbar von allen Seiten, ist er längst erstürmt und erscheint uns hoffnungslos überfüllt. Ein leichtes Grinsen huscht mir über die Wange, als ich den ersten Schritt antrete. Denn wir sind fast alleine und ich weiß nur zu gut was vor mir liegt.

 

Doch schon nach wenigen Metern bleibe ich wie versteinert stehen. Direkt vor mir, keine drei Meter entfernt, liegt ein junger Steinbock in der Sonne. Ich winke meinen Partner zu mir. Ganz still schaut der Bock uns an und denkt nicht einmal daran, den Weg freizumachen. Ich schieße einige Fotos, genieße noch etwas diesen Moment und versuche mich langsam an ihm vorbei zu schlängeln. Das ist ihm aber dann doch zu viel und er springt geschickt davon. Ein einzigartiger Augenblick, auch wenn man hier Steinböcke öfters sehen kann.

 

Auf Messers Schneide

Von nun an geht es auf und ab. Mal steiler mal flacher, mal ausgesetzt mal ganz zahm. Der Fels, überraschend fest und warm. Kiefernduft und der Geruch trockener Erde steigt in meine Nase. Fast fühle ich mich wie im Sommerurlaub in Südfrankreich.


Schnell finden wir unseren Takt. Kurze Gehpassagen wechseln mit steilen An- und Abstiegen und so wirkt der

schönste Weg auf den Säuling äußerst kurzweilig und schont dabei die Psyche. Noch unterhaltsamer wird die Kraxelei durch zwölf kleine Metallschilder. Angebracht auf den höchsten Punkten, frischen sie unser Wissen auf und wir erfahren die Namen der Apostel. Leicht zu finden sind sie aber nicht. Wer alle Zwölf finden will, muss schon achtsam sein und auch mal den Weg für einige Meter verlassen. All das zusammen lässt mein Bergsteigerherz ungewöhnlich hoch schlagen. Wir tanzen fast über den Grat, sind den Schwierigkeiten gewachsen, fühlen uns gut. Immer wieder bleiben wir stehen, quatschen und staunen. Es ist ein Traum. Das ist der Säuling!

 

Nach der zweiten Abseilstelle erreichen wir das Gratbuch. Verstaut in einer Metallbox, an den senkrechten Fels gedübelt. Wir blättern ein wenig darin herum. Ich finde meinen Eintrag vom 30. Dezember vor einigen Jahren. Damals waren die Tage kurz und unsere Finger kalt. Und trotzdem kamen wir problemlos über den schneefreien Grat. Im frühen Winter durchaus keine Seltenheit. Eine schöne Erinnerung, die wir nun auffrischen dürfen.
Das Gratbuch markiert in etwa die Mitte der Route. Wie damals wünsche ich mir heute, dass die zweite Hälfte sich doch noch etwas in die Länge ziehen möge.

Alpine Schwierigkeiten

Bisher haben wir uns an Bäumen abgeseilt, an Bohrhaken und Schlingen. Senkrechte Kletterstellen im zweiten Grat, teils recht ausgesetzt, mussten gemeistert werden. Seilfrei versteht sich. Der Apostel-Grat ist kein Spaziergang, zeigt kurz sogar seine Zähne im dritten Grad. Und so schieben wir uns vorsichtig voran, saugen alles um uns auf. Zum dritten Mal gehe ich nun diesen Weg und es wird weiß Gott nicht das letzte Mal sein. Viel zu perfekt füllt mich dieser Tag schon wieder aus.

 

Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Apostel wir schon überschritten haben. Aber der Pilgerschrofen ist schon in weiter Ferne und nicht mehr lange, dann ist die Säulingwiese erreicht. Noch einmal geht es nach oben. Feste Felsschuppen bieten Halt und wenig später stehen wir auf dem letzten und höchsten Apostel. Weit unter uns glänzt das Säulinghaus in der Sonne. Von dort unten wirken die letzten Apostel besonders schroff. Fast immer stehen Besucher des Hauses auf der Terrasse und bestaunen die Bergsteiger auf dem Grat. Kaum zu glauben, dass wir so leichtfüßig darüber spazieren können. Mit der Leichtfüßigkeit hat es sich aber schnell, als wir vom letzten Apostel absteigen. In eine abschüssige, erdige Rinne voller Latschen müssen wir uns hinunterhangeln. Hier ist noch einmal gute Trittsicherheit und viel Vertrauen in Griffe aller Art gefragt.

Der Zwölf-Apostel-Grat legt uns aber sprichwörtlich noch mehr Steine in den Weg. Durch einen engen Felsspalt müssen wir uns quetschen. Mit den Rücksäcken keine leichte Aufgabe, die uns den ein oder anderen blauen Fleck bescheren wird. Und als wir die Wiese schon fast erreicht haben bricht plötzlich der Fels unter uns steil ab. Der letzte Abseiler. Als ich das Seil einfädle, merke ich, wie lose die Muttern auf den Bohrhaken sitzen. Mehr als handfest anziehen kann ich sie jetzt aber auch nicht und schon geht es abwärts. Wir seilen uns tief in die letzte große Scharte. Die Wände um uns rahmen die Aussicht mehr und mehr ein. Was für ein Platz. Wir atmen durch, klopfen uns auf die Schultern. Und staunen.

 

Back to life

Auf der Säulingwiese angekommen machen wir es uns gemütlich. Wir haben einen grandiosen Blick auf den Grat, die Königschlösser und den Lech. Wir legen unsere Gurte ab, faulenzen im warmen Gras.


Der Gipfel ist vollgepackt, so wie der Wanderweg unter ihm. Lange beobachten wir die Gleitschirmpiloten hier oben beim starten und landen. Auf der Wiese, die laut der Sage Hexen als Tanzboden diente, ist meine Uhr endgültig stehen geblieben. Vollkommen im Hier und Jetzt lasse ich alles fallen und auf mich wirken. Erst viel später, als wir die letzten Meter auf den Gipfel antreten, treffen wir auf die Massen und ich erwache aus meinem Traum. Die letzten Stunden fühlen sich plötzlich an wie Sekunden. Die Anstrengungen, der Spaß und die Freude. Alles vermengt sich. Und ganz plötzlich stellt sich mir eine Frage: Wann werde ich mich wohl das nächste Mal in das Buch auf dem Zwölf-Apostel-Grat eintragen dürfen?

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