AKTIV in den ALPEN im Gespräch mit…
Jacqueline Fritz

„Kämpfe für deine Ziele“

Die Pfälzerin Jacquline Fritz verliert mit 22 Jahren ihren rechten Unterschenkel. Aus der ehemaligen Balletttänzerin wird eine begeisterte Wanderin, trotz oder besser wegen ihres Handicaps. Eine Tour aufs Neunerköpfle bei Füssen gibt den Impuls auf mehr. Aus einer fixen Idee einer Alpenüberquerung wurde ein Ziel, um das die Pfälzerin gekämpft hat, und dass sie im Sommer 2016 in die Tat umsetzte. 4 Wochen war Fritz unterwegs, hat 35.000 Höhenmeter und 312 Kilometer überwunden –

Einbeinig mit Krücken. Als erste Frau mit Handicap, als erste behinderte Person überhaupt. Immer mit dabei: Mischlingshund Loui. Ein Gespräch übers Scheitern und warum es sich lohnt seine Träume zu erleben und für seine Ziele zu kämpfen.

 

Wie bist Du eigentlich zu Deiner Wanderleidenschaft gekommen?

Mir wurde ja mit 22 Jahren der rechte Unterschenkel amputiert. (Anmerkung der Redaktion: Nach einer Operation traten Komplikationen auf, die Jahre später in der Amputation endeten.)

Für die Anfertigung meiner ersten Prothese war ich mehrere Monate in Traunstein. In der Zeit saß ich unter der Woche im Orthopädiehaus rum, während die Orthopädietechniker meine Orthese bauten. Mit der Zeit freundete ich mich mit Einheimischen an, die am Wochenende immer in den Bergen unterwegs waren. Mir war langweilig, ich brauchte Aufgaben und habe mir zum Ziel gesetzt, dass ich am Ende meiner Zeit am Chiemsee mit meinen Freunden auf einen Berg gehe. Die erste Zeit bin ich nur den Wald gelaufen, dann wurden die Strecken immer länger, ich habe angefangen Höhenmeter in mein Training einzubauen. Irgendwann war ich soweit und hab stolz verkündet, dass ich jetzt mitgehen würde. Von anfänglichen Bedenken à la: Du bist doch behindert, habe ich mich nicht abhalten lassen. Ich bin mit und es war herrlich. Zurück in der Pfalz bin ich dann im Pfälzerwald viel gewandert. Dann habe ich angefangen Urlaub in Bayern zu machen und bin nach und nach in die Berge ...

 

... und dann?

Dann kam eine schwere Rücken-OP, danach ging gar nichts mehr. Alles wieder auf null. Meine Reha habe ich in Füssen absolviert. Dort, in den Bergen, kam meine Willenskraft zurück. Der Wille und die Kraft selbst wieder etwas zu machen, um auf die Beine zu kommen. Ich habe wieder mit dem Wandern angefangen. Irgendwann stand ich auf dem Neunerköpfle und wollte weitergehen, immer weitergehen. Ich habe da oben einen so heftigen Impuls gespürt, dass ich mehr machen muss ... Mir ist hier das erste Mal ein Alpencross in den Sinn gekommen. Das war ein ganz irres Gefühl, ich kann das gar nicht richtig in Worte fassen. Aber wenn man so will ist das Neunerköpfle „Schuld“ an meiner Sportlerkarriere.

 

Wann war das?

Das war 2013/14.

 

Und, über die Alpen bist Du dann im Sommer 2016?

Ja, richtig. Echt verrückt. (lacht)

 

Die Idee einen Alpencross in Angriff zu nehmen war also geboren. Wie ging es weiter?

Ich wollte die Alpenüberquerung mit einer befreundeten Ärztin machen, die in Füssen in der Reha-Klinik arbeitet. Das war aber eher Larifari, so nach dem Motto: Wir kaufen uns jetzt zwei Rucksäcke und laufen los. Ich habe dann aber schnell festgestellt: Okay, das funktioniert in der Form nicht ...

 

Inwiefern hat es nicht funktioniert?

Nun, ich war in dem Business was Sponsoren und Geldgeber angeht neu. Ich dachte, die Idee ist super, die Firmen fanden das im Prinzip auch. Aber, als ich dann konkret auf der Messe ISPO Firmen wegen Sponsoring-Möglichkeiten angesprochen hatte, kam: Du bist eine Frau, das hat kein Mann vor dir gemacht, wie soll das funktionieren. Sie fanden es zwar cool, haben aber nicht an mich geglaubt. Das war sehr schwierig für mich. Als klar war, dass ich das Geld nicht zusammenbekomme, habe ich das ganze Projekt um ein Jahr zurückgestellt. In der Zeit habe ich noch mehr Berge erwandert, habe mich akribisch um Sponsoren gekümmert und konnte dann im Sommer 2016 die Alpenüberquerung starten.

 

Was waren rückblickend die größten Hürden?

In der Retrospektive muss ich feststellen, dass ich zu optimistisch an die Sponsoren-Sache rangegangen bin. Im Prinzip kamen bei mir zwei Ausschlusskriterien zusammen: Ich bin eine Frau und ich bin behindert – sagen wir es jetzt mal so.

 

Trotz aller Hürden, du hast es geschafft, bist unter anderem bei Berghaus unter Vertrag. Wie kam es zur Zusammenarbeit und was hat sich geändert?

Berghaus habe ich einer Messehostess zu verdanken (lacht). Die war so begeistert von meiner Idee, dass sie wirklich für mich, sprich für einen Termin auf der Messe ISPO gekämpft hat wie eine Löwin. (lacht) Es hat sich gelohnt. Berghaus steht voll hinter mir, das ist echt sehr cool. Ich fühl mich willkommen im Athleten-Team und werde nicht auf meine Behinderung reduziert, sondern bin ein vollwertiges Teammitglied.

 

Neben der zeitaufwändigen Sponsorensuche war ja auch noch die Vorbereitung auf das Abenteuer Alpencross. Du hattest bei Projektstart kaum hochalpine Erfahrungen. Hast Du Dich auch alpintechnisch vorbereitet?

Absolut! Zu Beginn meiner Vorbereitungsphase war ich viel mit Bergführern unterwegs und habe viele geführte Touren, auch hochalpine, unternommen. Und dann war da ja auch noch mein Mischlingshund Loui. Für mich war von Anfang an klar, dass ich alles mit ihm gemeinsam machen wollte, auch das Wandern.  Entsprechend kam Loui oft mit, damit auch er sich an die Berge und an das Gehen im Gebirge gewöhnen konnte. Da muss ich jetzt erwähnen, dass Loui, ein waschechter Grieche ist, Gott sei Dank mit ausgeprägtem Berg-Gen, wie sich herausstellte.

Und so bin ich dann 2015 jedes Wochenende von Ostern bis Oktober in die Berge gefahren und habe Touren unternommen. Anfangs mit Bergführer, später ohne. Ich habe Kurse beim Alpenverein belegt, habe mich mit Meteorologen getroffen, habe mich viel mit dem Kartenlesen auseinandergesetzt. Ich bin ja selbständige Grafikdesignerin, entsprechend habe ich 8 Stunden gearbeitet und mich im Anschluss noch mal mindestens 6 Stunden in den Alpencross reingehängt. Ein Jahr lang habe ich wirklich jede freie Minute in das Projekt investiert.

Das erfordert einen unwahrscheinlich starken Willen, oder?

Ja, das geht nur mit einem starken Willen. Weil: Laufen kann jeder, egal ob dick, dünn, groß, klein – jeder kann laufen, jeden Tag, jede Entfernung. Das Problem liegt meiner Meinung nach in der Bequemlichkeit des Menschen. Ich habe mir 3 Wochen nach Tourstart beim Abstieg vom Hochgebirge an der Hand weh getan, weil sich Hautschichten gegeneinander verschoben hatten. Das Ergebnis war eine Blase über die gesamte Handfläche, die sich entzündete. Ich habe Fieber bekommen, habe mir Schmerzmittel reingepfiffen. Das war ein Moment wo ich mich entscheiden musste, ob ich den Rettungshubschrauber alarmiere, oder ob ich weitermache. Ich habe mich fürs weitergehen entschieden. Die letzten 5 Tage sind mir teilweise die Tränen gekommen vor Schmerzen. Zum Schluss habe ich die Krücke gar nicht mehr aus der Hand gegeben. Hätte ich das getan, hätte ich sie nie wieder in die schmerzende Hand genommen. Das war eine klare Willensfrage.

 

Ein Ereignis, mit dem man vorher nicht rechnen kann. Wie viel konntest du vorab kalkulieren, und was muss man auf sich zukommen lassen?

Ich habe mich mit der Natur, mit den Gegebenheiten und den Etappen vorab auseinandergesetzt, ich würde sagen, ich wusste zu 90 Prozent was auf mich zukommt. Was für mich aber neu war, war dass man als Team unterwegs ist, in dem jedes Mitglied seine Aufgaben hat, und mit dem man sich verstehen muss. Wir waren 4 Wochen am Stück zusammen – ausnahmslos – außer man ging auf die Toilette. Das war eine neue Erfahrung. Wir kannten uns vorher nicht und mussten dann zusammen wandern, leben und arbeiten. Und: Es hat super geklappt, vielleicht hatte das auch damit zu tun, dass die Kamerafrau, eben eine Frau war, Laila.

Auf die täglichen Kilometer und Höhenmeter konnten wir uns einstellen, aber Gegebenheiten wie Schneefelder, Gletscherspalten, Verletzungen sind Variable, die mit eingerechnet werden müssen, in unserem Fall beschränkte es sich auf 10 Prozent. Aber gerade diese 10 Prozent können ausschlaggebend für ein Projekt sein!  Deswegen haben wir uns vorab darauf verständigt, dass ganz egal wer auf Tour Probleme bekommen sollte, Zwei- oder Vierbeiner, dass wir gleichwertige Teamkollegen sind. Und wenn einer im Team ein Problem hat, dann wird abgebrochen. Ich musste ja nur laufen, die anderen mussten auch noch arbeiten, sprich Filmen.

 

Stichwort Loui: Welche Rolle spielte dein Hund auf der Tour?

Eine sehr große. Er war ein wichtiges Bindeglied in unserem Team, er hat immer geschaut wem es gerade nicht so gut geht, er war immer präsent. Loui hat einfach unbändige Lust auf Berge. Im Prinzip ist es so: Wenn es mir gefällt, dann gefällt es auch Loui und es geht ihm gut. Ich habe ihn so angefixt mit den Bergen, dass der Hund schon im Auto sitzt, sobald ich anfange den Rucksack zu packen. Ich fahre gerne nachts, und wenn wir dann am nächsten Morgen in den Bergen ankommen, und ich sage: „Loui, guck die Berge“, dann schaut er aus dem Fenster und lacht regelrecht und ist voller Vorfreude.  Außerdem bilde ich ihn gerade als Bergbegleithund aus, das merkt man ihm auch an, also er fühlt sich schon wichtig (lacht).

 

Und was macht ein Bergbegleithund?

Er sucht für mich die passenden Wege, in meinem Fall schaut er, dass ich möglichst Gras- und Schotterpassagen umgehen kann. Er warnt, aktuell noch vor Steinböcken, Menschen und Murmeltieren. Aber künftig soll er Steinschlag, Lawinen und Gletscherspalten anzeigen. Loui geht in den Bergen immer ein gutes Stück vor mir. Insgesamt dauert die Ausbildung in Deutschland 7 Jahre. Zugelassen werden eigentlich nur Labradore. Loui ist der erste Mischling in Deutschland, der die Ausbildung machen darf, und das wird auch die Ausnahme bleiben.

 

Du hast die Öffentlichkeit gewählt. Was waren Deine Beweggründe darüber einen Film zu machen?

Ich habe mir das sehr lange überlegt. In meiner Überzeugung gibt es keine behinderten Menschen! Jeder Mensch hat seine Probleme und ich finde es in der heutigen Gesellschaft nicht mehr angebracht, wenn Menschen mit Handicap ausgegrenzt werden. Jeder spricht von Inklusion, aber letztendlich wird nichts gemacht. Das muss man mal klar formulieren. Außerdem möchte ich mit meiner Aktion darauf aufmerksam machen, dass wir Menschen mit Handicap gleichermaßen das Recht haben, alles zu machen, wie nichtbehinderte Menschen, und wenn es ein Alpencross ist, dann eben das. Es geht darum, dass man Ziele verfolgen darf, für die es sich lohnt zu kämpfen.

 

Thema: Erleben statt träumen: Was waren die stärksten Erlebnisse während der 4-wöchigen Tour?

Puh, alles zusammen war ein großes Erlebnis. Aber es waren auch so viele kleine Dinge, so viel Faszinierendes, das dieses Projekt so einmalig gemacht hat: Die vielen netten Menschen, beispielsweise, die ich kennengelernt habe. Die landschaftlichen Eindrücke: Steinböcke und Murmeltiere mal hautnah erleben zu können. Wir hatten Tage, da sind wir keinem anderen Menschen begegnet, das war schon sehr beeindruckend. Zudem hat mir das minimalistische Leben gefallen: Man wird rausgerissen aus dem sozialen Rundumprogramm mit Facebook, YouTube, Instagram & Co. Du kommst auf den Berg und es gibt erst mal nichts außer der Natur und ein paar Steinen. Hier die Schönheit zu erkennen, zu erkennen wie grandios es ist, wie ich leben darf, was ich machen darf. Das war für mich wahnsinnig faszinierend.

 

Gibt es neue Träume/neue Ziele die du ins Visier genommen hast?

Ja (lacht). Ich werde diesen Sommer die Seven Summits im Stubaital machen. 3 Gletscherberge und 4 gletscherfreie

Gipfel stehen auf dem Programm. Ich habe dafür 3 Wochen vorangeschlagen, inklusive Pausetagen.

 

Wird Dich im Stubai auch wieder ein Team begleiten?

Ja. Es ist wieder Team dabei und wir werden einen Film produzieren.

 

Du kletterst ja auch sehr aktiv, wie bist du zum Klettersport gekommen?

Zum Klettern bin ich durch eine Postkarte gekommen, die ich mir in Rosenheim am Bahnhof gekauft habe. Da stand drauf „Kämpfe für deine Ziele“, ich fand den Spruch absolut passend, und dann war da eben der Fels abgebildet mit einem breiten Riss in der Mitte. Als ich das Motiv näher inspizierte, habe ich in dem Riss einen Kletterer entdeckt, der am rechten Bein eine Prothese getragen hat. Das hat mich richtig angefixt! Ich habe noch im Zug zwischen Rosenheim und meinem Heimatbahnhof in der Kletterhalle in Karlsruhe angerufen, und gefragt ob ich mal klettern probieren könnte, halt nur mit einem Bein. Der Kletterhallenbesitzer meinte, das müsste man mal ausprobieren. Letztlich hat er mir dann einen Kletterkurs geschenkt und ich habe sofort gespürt: Das ist voll meins! Die physische und psychische Beanspruchung gefällt mir. Wenn ich viel und schwer klettere habe ich kaum Phantomschmerzen. Vielleicht, weil das ganze Adrenalin anderweitig abgebaut wurde. Letztlich spiegelt das Klettern mein Leben wider: Du bist unten, schaust dir die Wand an und denkst, oh Gott, wie soll ich denn da hochkommen. Genau wie bei meiner Krankheitsgeschichte: Ich war ganz unten und musste mich hochkämpfen.

 

Du bist mit der mehrfachen Eiskletterweltmeisterin Angelika Rainer im Berghaus-Athletenteam. Seid ihr ab und an zusammen in den Bergen unterwegs?

Ehrlich gesagt ich habe Angelika noch nicht kennengelernt. Ich würde sie aber gerne mal kennenlernen und was mit ihr machen. Ich möchte ohnehin gerne mit dem Eisklettern anfangen, und da könnte ich mir gut vorstellen gemeinsam mit Angelika etwas zu unternehmen.

 

Das Interview führte Susa Schreiner

Fotocredits: Jaqueline Fritz/David Biedert

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