Mutter Natur

Text und Bilder Benni Sauer

 

Der Planet auf dem wir leben scheint sich immer schneller zu drehen. Wir bauen schnellere Skilifte und spektakuläre Attraktionen für noch mehr Touristen. Streifendienst in Nationalparks, Polizeihubschrauber gegen Wildcamper im Allgäu. Überall arbeiten wir mit Hochdruck am Burn-Out unserer Bergwelt.

 

Überall?

Ich gebe mir größte Mühe so leise wie möglich zu sein. Aber urplötzlich heben die Hirsche erschrocken die Köpfe und rennen in den dunklen Wald. Schade. Fast hätte ich einen besonders großen vor die Linse bekommen.
Sekunden vorher hat mir noch Dominik Joosten flüsternd erklärt warum die Hirsche hier im Eistal so viel mächtiger sind, als in den anderen Tälern des Nationalparks Berchtesgaden. Göring, der im zweiten Weltkrieg unter anderem auch Reichsjagdmeister war, soll die Riesen gezüchtet haben. Die Gene stecken immer noch in ihnen, denn der genetische Austausch über die Bergketten des Nationalparks hinweg funktioniert schleppend. Dominik ist Nationalpark-Ranger. Er kennt unheimlich viele interessante Details, die hier einfach so am Wegesrand liegen. Jeder kann sie finden, man muss sie nur kennen!

 

Schützen was schützenswert ist

Fast schon resigniert schaue ich auf die Getränkedosen, die hinter der Sitzbank liegen. Ich bin wieder angekommen, auf dem Boden der Tatsachen. Es war ein faszinierender Ausflug, wenn auch nur mental. Ein Ausflug in eine Welt, in der es keinen menschlichen Einfluss gibt, dafür aber riesige Wildtiere.


Dass die Wirklichkeit heute ganz anders aussieht, erklärt mir Dominik nun schon zum dutzendsten Mal. Er deutet auf ein Schild gleich an der Bootsanlegestelle in St. Bartholomä. Es zeigt eine Drohne, vor der diagonal ein roter Balken hängt. „Wenn man auf YouTube nach Lauftaufnahmen vom Nationalpark sucht, man findet auf mehreren Seiten Unmengen Drohnen-Filme!“. Ohne Luft zu holen ermahnt er gleich darauf eine Touristin. Sie lässt ihren Hund im Nationalpark frei laufen. Ohne Leine.


Die Welt, in die ich mich gerade eben noch hineingeträumt habe, sie existiert nicht mehr. Was aber von ihr übrig ist, muss streng beschützt werden. Von uns. Vor uns.

 

Der einzige Alpen-Nationalpark Deutschlands

Am frühen Morgen im Klausbachhaus. Die Infostelle am Rande des Nationalparks liegt direkt am Eingang zum »Tal der Adler«. Wir sprachen über die Touristen, die Adler und über den Nationalpark an sich. Darüber, dass er mit nur 15 Kollegen versucht, einen flächendeckenden Streifendienst zu absolvieren. Dafür seien sie aber zu wenige, weswegen ihnen manchmal sogar die Polizei unter die Arme greifen muss. Einzig und allein zum Wohle der Natur.


Das größte Problem seien dabei die Wildcamper. Menschen, die das Abenteuer suchen, Feuer entfachen ohne sich Gedanken zu machen. Dabei unterliegt der Nationalpark in Deutschland der höchsten Schutzstufe. Dominik und seine Kollegen machen solche Besucher auf ihr Fehlverhalten aufmerksam. Aber selbst dann soll noch manchmal eine gehörige Portion Überzeugungsarbeit von Nöten sein.
Verhält man sich so als Gast? Als Besucher in einer Welt, die schon so lange vor uns da war?

Trübe Aussichten
Als wir später ins Klausbachtal hineinlaufen, machen wir uns keine Hoffnungen einen Adler zu sehen. Die Wolken hängen tief. Trotzdem habe ich schon jetzt viel über diese majestätischen Tiere lernen können. Nirgendwo sonst in den Alpen wird nämlich der König der Lüfte so genau unter die Lupe genommen. So weiß ich jetzt, gibt es im Nationalpark auf über 200 km² nur fünf Brutpaare. Das sei aber kein Grund zur Sorge, denn die einzelnen Reviere der Brutpaare seien gigantisch. Dem Adler geht es sogar relativ gut, so Joosten. Der Bestand ist gesättigt. Alpenweit, so schätzt er, leben ungefähr 2000 Steinadler.


Und trotzdem: Als ich später an der Adlerbeobachtungsstation in die dicken Wolken starre, bin ich noch immer ganz baff. Nur fünf Brutpaare, dabei ist der Nationalpark doch so riesig. Wenn in der Brutzeit die Adler gestört werden, durch was auch immer, der Verlust wäre immens. Und das ist nicht weit hergeholt, denn die Adler verlassen ihren Horst wenn sie sich bedroht fühlen. In der Folge kühlt das Ei schnell aus und das ungeborene Küken stirbt.


Ich muss an die YouTube-Liste denken. Sicherlich weiß das keiner der Hobbyflieger.

Aufklärung

Damit sich das ändert gibt es im Park nicht nur Ranger wie Dominik, sondern auch Infostellen und viele spannende Führungen. Jung und Alt wird die bedrohte Wildnis näher gebracht. Denn nur was man kennt, das schützt man. Der Nationalpark nimmt seinen Bildungsauftrag ernst, die Angebote sind durchweg kostenlos. Ein solcher Exkurs ist selbst für mich alten Bergfex unfassbar spannend und schon nach wenigen Augenblicken mit Dominik in der Natur ändert sich mein Blick. In dem Mischwald, in dem wir uns befinden, blüht zu dieser Jahreszeit die Christrose besonders üppig. Die giftige Staude kennen viele aus dem Ziergarten. Tatsächlich ist sie aber in Deutschland nur in Bayern heimisch und steht auf der roten Liste.
Vor mir liegen nicht nur einige umgefallene Bäume chaotisch übereinander. Es ist ein vollkommen intakter Wald. Hier leben hunderte Pilze und Insekten, größtenteils sogar in Symbiose. Weit mehr als die Hälfte der Käfer ist abhängig vom Totholz. Es ist ein Lebensraum, ein Paradies, ja sogar die Grundlage für die Funktion unseres Planeten.

Vier Wochen vorher
Ich stehe auf dem Hochgrat im Allgäu. Vor mir zieht sich die Nagelfluhkette in die Länge, Hauptbestandteil des gleichnamigen Naturparks. Hier im Park leben viele streng geschütztes Tiere, zum Beispiel das Birkhuhn. Stark gefährdet, ganz einfach durch den Verlust des Lebensraumes, versucht die Initiative »Respektiere deine Grenzen« die Parkgäste zu informieren und zu sensibilisieren. Auf Flyern wird gezeigt, welche Gebiete zu meiden sind, mit Schildern im Gelände wird auf Schongebiete aufmerksam gemacht.

Auch der Naturpark versucht unsere Bergwelt zu schützen. Aber anders als im Nationalpark wird hier der Schutz und die Nutzung der Natur verbunden. Es wird Landwirtschaft betrieben und auf präparierten Pisten Ski gefahren. Zugegeben, Naturpark hört sich weniger wichtig an, als Nationalpark, doch im Kern funktioniert es. Zum Glück, denn die Flora und Fauna dort ist nicht weniger schützenswert! Und auch hier gibt es tolle Führungen, die für Bergfreunde jeden Alters ein unbedingtes Muss darstellen. Das dort Gelernte wird mich noch viele Jahre begleiten und bei jeder Bergtour aufs Neue abgerufen.
Ein Miteinander mit der Natur und nachhaltiger Tourismus ist hier also möglich. Aber eben nur, wenn alle mitmachen!

 

Back to the roots

Zurück im Nationalpark Berchtesgaden. Ramsau. Direkt vor den Toren des Parks ist es Deutschlands erstes »Bergsteigerdorf«. Weniger, dafür besser.  Ein Satz, der alle Bergsteigerdöfer vereint. Genau so wie Respekt, Nachhaltigkeit und Einklang. Über die Auszeichnung darf sich deswegen nicht nur die Tier- und Pflanzenwelt freuen. Einheimische so wie Touristen freuen sich über den Erhalt der Kultur und über eine ruhige Zukunft, ganz ohne den grölenden Massentourismus.

 

Aber was, wenn die Geldgier der großen Investoren nicht die einzige Bedrohung ist? Was, wenn es nicht die Menschen sind, sondern ein Mensch? Was, wenn es Du bist?
Lassen wir dem Schrecksee im Allgäu seine Ruhe, damit wir alle noch lange etwas von ihm haben! Heben wir den Müll auf, anstatt ihn zu fotografieren und das Foto auf Facebook hochzuladen. Und wenn die Gams zu weit entfernt für das erhoffte Foto ist, dann soll es so sein. Denn besonders im Winter kann eine unnötige Störung das Ende des Tieres besiegeln. Bleiben wir auf den Wegen. Verzichten wir auf Zeltnächte und Lagerfeuer. Bewegen wir uns leise. Das ist unsere Verantwortung als Tourist, als Gast und Besucher der Berge. Den Grundsätzen der Bergsteigerdörfer können wir uns überall in den Alpen anschließen. Und nicht nur, dass wir dabei Gutes tun, wir erleben dabei die Bergwelt auf ihre ursprünglichste Art. Ohne ihr zu schaden. Nur mit Achtsamkeit, Respekt und zudem mit all unseren Sinnen. Wir haben es in der Hand.

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