Vier Zitzen, drei Zinnen, zwei Ziele

Text und Bilder: Norbert Eisele-Hein

Rings um die wohl meistfotografierte Felstrilogie der Welt offenbart das Südtiroler Hochpustertal märchenhaft schöne Perspektiven für Wanderer. Auch die deutsche Bundeskanzlerin geht hier gerne auf Wanderschaft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In Sachen Kleidung und auch was die Frisur unserer Bundeskanzlerin anbelangt ist sich die Republik ja häufig uneins. Wenn es aber um die Wahl ihres Urlaubsziels geht, hat Fr. Dr. Merkel ein absolut sicheres Händchen. Seit vielen Jahren schon reist sie immer wieder gerne in die Region der Drei Zinnen - eine sehr gute Wahl, wie unsere beiden Touren beweisen werden.

 

Wir starten im Fischleinboden, wo unsere Staatschefin sehr gerne im Dolomitenhof logiert - mittlerweile ein offenes Geheimnis. Folgen der Beschilderung zur Talschlusshütte, während eine frische Brise den letzten Morgendunst über die Sextener Rotwand und den Gipfel des Elfer bläst. Rechter Hand, westlich ragt der Einser, ein weiterer Paradegipfel der Sextener Sonnenuhr, in den bald schon stahlblauen Himmel. Tannen, Fichten und knorrige Lärchen verströmen ein wohltuendes Hustenbonbon-Aroma. Heureka-was für ein Morgen. Nach der Talschlusshütte gabelt sich der Dolomitenhöhenweg. Wir folgen der Nummer 103 ins Bacherntal. Steuern auf den Ursprung des stets unter uns rauschenden Rio Fiscallino oder Bachernbachs zu, bevor uns der unbarmherzige Peitschenknall der Sonne erwischt. Der Weg ist immer gut machbar angelegt, wir gewinnen rasch an Höhe. Schon klettern erste Sonnenstrahlen über die Gipfel und jagen Flackerlichter durch den Wald. Noch ein paar steilere Kehren und schon thront sie vor uns, die Zsigmondy-Hütte, benannt nach dem österreichischen Arzt und Bergsteiger, der nach spektakulären Erstbegehungen leider schon kurz vor seinem 25.sten Geburtstag am 27.06.1885 in der französischen Meije-Südwand verunglückte.

 

Die Hütte wird monumental vom 3094 Meter hohen Zwölferkofel überragt. Er zieht ein illustres Publikum aus Extremkletterern und Wanderern an. Heute mischt sich sogar noch Andy Prosslinger, alias der Lama-Andy mit seinen kunterbunten Lamahengsten in die Menge. Wir folgen dem Weg 101 durch die hochalpine Kulisse bis hin zur Büllelejoch Hütte auf 2528 Metern Seehöhe. Die Hüttenwirtin Greti Rogger serviert uns einen selbstgemachten, himmlisch-duftenden Apfelstrudel und einen erstklassigen Cappuccino. Derart gut gestärkt geht es zunächst bergab zu den Laghi di Cengia, die wie zwei Smaragde aus der Hochebene hervorstrahlen. Dies ist der wesentlich einfachere Weg rüber zu den Drei Zinnen oder den »Tre Cime di Lavaredo« - klingt das nicht alleine schon wie ein spannender Italo-Western aus den 70er Jahren? Passend dazu begegnen wir gleich hinter der Lavaredo-Hütte einer Gruppe Franzosen mit höchst fotogenen Packpferden. Die Südseite ist bereits wild und schroff und offenbart viele schwierige Kletterrouten quasi über die Hintertür auf die Gipfel des berühmten Dreigestirns.

 

Dagegen gleicht die breite, vorbildlich geschotterte Zufahrtsstraße fast schon einer Autobahn und war bis spät in die 80er Jahre auch noch für den öffentlichen Verkehr freigegeben. Heute stoppt der Verkehr am Ende der asphaltierten Mautstraße, die sich mitunter extrem steil

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

vom Misurinasee bis zur Auronzo-Hütte hinauf schlängelt. Dort stapeln sich dann verständlicherweise die Reisebusse, Wohnmobile und PKW's der Tagesausflügler. Wir traben gleich weiter zur Forcella de l'Col de Mezzo. Steigen auf dem Dolomitenhöhenweg 105 hinab zur Langen Alm. Im Vergleich zur völlig überlaufenen, gigantisch-großen Auronzo-Hütte bietet die Langealmhütte den ultimativen Kontrast. Erinnert fast schon an ein Lebkuchenhaus aus einem märchenhaften Traum. Die Hütte erfüllt sämtliche Bilderbuch-Klischees. Die Buttermilch stammt von glücklich wiederkäuenden Kühen und wird von feschen Sennerinnen in traditioneller Dirndltracht serviert. Die Wirtsleute haben obendrein Humor und ein kreatives Händchen für Gestaltung. Wahrlich, der Blick in die nahen Nordwände der Drei Zinnen hat etwas Magisches. Entfaltet eine vibrierende Aura. Erzeugt aber auch Gänsehaut, bei der schieren Vorstellung, dass der geniale Alexander Huber das teils überhängende Bollwerk der Großen Zinne schon »free solo«, also ohne ständige Seilsicherung durchstiegen hat. Die versteinerten Alphatierchen aus Fels sind ein Wunder der geologischen Schöpfung. Dennoch schweifen unsere Augen auch immer wieder über das Hüttenlogo auf der Speisenkarte. Darauf bildet ein Kuheuter mit seinen Zitzen, vier rosafarbene in den Himmel ragende schmale Zinnen - eine kongeniale humorige Brücke von der Almwirtschaft zur Gestalt der Bergform. Drei Zinnen - Vier Zitzen - absolut hitverdächtig.

 

Der 105er Weg über die Hochalm ist nicht schwierig. Es gilt lediglich ein paar felsige Passagen zu meistern. Dennoch besteht die Gefahr, dass man in staunender Ehrfurcht mit anderen Wanderern kollidiert oder über Felsen stolpert. Die einzigartigen Nordwände ziehen die Blicke fast schon magnetisch an. Vor allem, wenn auch noch Seilkommandos von wackeren Seilschaften aus den enorm schweren Führen herüberschallen.

 

Wir wandern bergauf zur Drei Zinnen-Hütte und gönnen uns den ganzen Abend lang bestes Bergekino. Während ganze Schulklassen und massenhaft Tagesgäste den Rückweg über den Paternsattl zur Auronzo-Hütte antreten, der ja nur eine gute Stunde dauert, beobachten wir das langsame Erröten der Drei Zinnen. Schnalzen mit der Zunge, weil das butterweich gekochte Gulasch einfach umwerfend gut schmeckt. Verfolgen den Mond und die Sterne, die ihre Lichtschneisen über die Zinnen ziehen, bei einem Viertel Roten und einem hübschen Stück Nussstrudel. Es ist erstaunlich, auf welch hohem Niveau der Hüttenwirt Hugo Reider seine Gäste bewirtet. Gleich früh am nächsten Morgen frischen wir unseren Trance-Zustand auf.

 

Saugen begierig das erste Morgenlicht, das die phänomenalen Nordabstürze perfekt in Szene setzt, auf. Über die ebenso spektakulär im Sonnenaufgang spiegelnden Bödenseen steigen wir durch das Altensteiner Tal ab. Nutzen das kongeniale Bussystem der Sextener Alpen. Wechseln flugs rüber in das Pragser Tal in den Naturpark Fanes-Sennes-Prags für unsere zweite Tour. Tuckern gleich weiter hoch zur ziemlich exakt auf 2000 Metern Seehöhe liegenden Plätzwiese, wo im Winter immer eine der zweifellos schönste Loipen der Alpen gespurt wird. Unser Ziel heute, der 2839 Meter hohe Dürrenstein – ein weiterer leicht zu erreichender Panoramagigant. Der technisch einfache, vorbildlich markierte Wanderweg führt von duftenden Streuwiesen gesäumt gemach bergan.

 

Libellen paaren sich im Flug, Grillen zirpen. Schon bald offenbart die Route betörend schöne Ausblicke Richtung Monte Cristallo und auf die wie ein Monolith über 3146 Meter aufragende Hohe Gaisl. Bald schon sind wir auf Augenhöhe mit dem 2737 Meter hohen Glanwell-Turm, der von dem Bergpionier Viktor Wolf von Glanvell erstbestiegen wurde.  Der Wanderweg führt weiterhin einfach auf einen breiten Rücken und gewährt plötzlich erste freie Blicke Richtung Südosten, über das Höhlensteiner Tal hinweg, hinüber zu den Drei Zinnen und all die anderen, wie in einem Schönheitswettbewerb konkurrierenden Gipfel der Sextener Dolomiten. Ein überraschender Anblick, der einem schier die Kinnlade nach unten rauschen lässt. Die weitere Wanderung zum Gipfel bleibt leicht – erhält aber durchgehend das höchste Panoramasiegel. Nach dem Abstieg auf dem gleichen Weg stellt sich allerdings ein Luxusproblem. Wo einkehren? Reiht sich doch eine feine Adresse an die andere. Die Dürrensteinhütte, wo die Kohletafel mit schön geschwungener Handschrift ein Tris di Gnocchi verspricht… also Dreierlei Nocken mit Käse, Spinat und Tomaten. Oder lieber auf der Terrasse des Hotels Hohe Gaisl einen deftigen Schweinebraten verspeisen. Wir

entscheiden uns für Pasta Arrabiata im Gasthof Plätzwiese. Lassen den Blick auf der Südterrasse abwechselnd über unseren angenehm scharfen, dampfenden Berg Pasta und über die monumentale Hohe Gaisl schweifen. Wahrlich – mehr Panorama geht nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pinkfarbener Blazer, hellblaues Kostümchen und Pony mit Föhnwelle, sei es drum. Die Chefin weiß schon, wo es schön ist.

 

Allgemeines:  Es hat nichts mit dem Drang nach Superlativen zu tun. Die Dolomiten gehören zu den schönsten Berglandschaften der Welt. Das Hochpustertal und die Drei Zinnen liefern dabei das Sahnehäubchen. Das hat die Unesco am 26. Juni 2009 mit dem Ritterschlag »Weltnaturerbe« bestätigt. Dabei wurden die beiden bestehenden Naturparks Sextener Dolomiten und Fanes-Sennes-Prags samt ihren Pufferzonen miteingeschlossen.

Das Hochpustertal mit seinen markanten Gipfeln bietet Alpinisten, egal, ob sie nun wandern oder Überhänge klettern, skilanglaufen oder auf Skitour gehen ein Terrain der unbegrenzten Möglichkeiten. Die Kalkalpen haben die Menschen schon seit jeher in ihren Bann gezogen.

 

Detaillierte Infos gibt´s hier:


Drei Zinnen-Marketing

Tel. + 39 0474 913156

www.drei-zinnen.info

Hier bekommt ihr sowohl kostenfreies Kartenmaterial als auch Toureninfos.

 

AiA TIPP:
Der deutsche Tourenveranstalter Wikinger-Reisen bietet eine ähnliche geführte Tour:

8 Tage, inkl. Halbpension, Guide, Gepäcktransport gibt es dort für 710.-Euro. Nähere Infos unter:

www.wikinger-reisen.de/wandern/italien/7455.php

 

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