Zurück in die Steinzeit

Text und Bilder: Norbert Eisele-Hein

120 Kilometer und 4000 Höhenmeter durch die fantastischen Hochpustertaler Dolomiten. Immer der Markierung nach, ohne GPS oder Navi-Chip. Ex-Bikeprofi Roland Stauder schenkt uns etwas genial Einfaches. Sein »Stoneman-Trail« führt uns back to the Roots und zeitgleich zurück in die Zukunft.

 

Im Zeitalter von Navi-Chips, GPS und Routenfinder-Apps auf dem Smartphone zelebriert Roland einen ebenso archaischen wie anarchischen Denkansatz. Roland reiht die schönsten Trails seiner Heimat wie an einer Perlenkette auf und markiert die gesamte Route mit grünen Markierungen. Das Konzept ist einfach genial. Und für alle die sich daran versuchen wollen, ebenso genial einfach. Denn Roland hat den Ablauf kongenial organisiert. Die Aspiranten erhalten eine Starterkarte. Damit können fitte Biker von Sexten, Toblach, Sillian oder Padola aus durchstarten. Auf den höchsten Punkten, dem Markinkele (2545 m), der Sillianer Hütte (2447 m), dem Passo Silvella (2329 m), dem Valgrande (1362 m) und der Rotwandwiesenhütte (1900 m) hat er Checkpoints zur Kontrolle installiert. Dort stanzen die Biker mit einer Zange selbst Kontrollmarken in ihre Armbänder. Wer die Runde an einem Tag packt, bekommt einen Stoneman in Gold, wer zwei Tage dafür benötigt erhält Silber. Wer mit gut 1500 Höhenmetern täglich bedient ist – und dieses Pensum sorgt bei Otto-Normal-Bikern durchaus schon für angesäuerte Waden – bekommt Bronze. So individuell wie das Projekt sind auch die Trophäen. Vom ideellen Wert mal abgesehen, eine simple Messingmedaille würde auch nicht zum Stoneman und schon gar nicht zu Rolands ganzheitlicher und naturphilosophischer Weltanschauung passen. Die Steinmänner werden von Roland handgefertigt. Auf einem schwarz lackierten Holzsockel wird ein Kalk-Stein aufgesetzt. Je nach Leistungs- und Leidensbereitschaft der Biker ist die Hälfte des Steins in gold, silber oder bronze lackiert. Die Spitze der Trophäe ziert das Stoneman-Logo in Cortenstahl. Die Trophäe ist erweiterbar.

 

Ein Steinzeit-Pokal, der ins Auge sticht. Selbst in Rolands aus allen Nähten platzendem Trophäenzimmer zu Hause in Niederdorf. Und das will was heißen, denn Roland hat in seiner Laufzeit als Bikeprofi so gut wie alles gewonnen: Gesamtweltcup, die knüppelharte Crocodile Trophy in Australien, Trans Alp Challenge und die Red Bull Giants of Rio – Roland war einer der erfolgreichsten Mountainbiker der Welt. Schon im Jahre 2000 erhielt er den Ritterschlag und wurde fortan von Red Bull gesponsert und im Leistungszentrum Thalgau professionell betreut und gecoacht.

 

Im Herbst 2009 hat er seine Profikarriere an den Nagel gehängt und lange überlegt, wie er die Essenz des Bikesports – Herausforderung, Spaß und Flow in der Natur »erfahrbar« machen kann. Er wollte auch seiner Region, dem Hochpustertal für die langjährige Unterstützung vom Amateur zum Profi, danken. Das Ergebnis heißt »Stoneman-Trail« - eine Traumrunde von 120 Kilometern Länge mit 4000 Höhenmetern, durch einen der zweifellos schönsten Flecken der Dolomiten, das Weltnaturerbe der Unesco. Die Strecke bietet ständig bestes Bergekino, schrammt sie doch an den Gipfeln der Sextener Sonnenuhr, der Rotwand, dem Zwölferkofel, dem Einser entlang und führt über die Sillianer Hütte auf den Karnischen Höhenweg des Alpenhauptkamms.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Roland nimmt uns mit auf die Strecke

Wir starten in aller Herrgottsfrühe in Sexten. Strampeln anfangs noch mit leichter Gänsehaut über Innichen und weiter auf dem Drau-Radweg nach Toblach. Satte 1425 Höhenmeter schrauben sich die Serpentinen hoch zur ersten Checkpoint. Wow, oben am Marchkinkele spiegelt sich die gesamte Garde der Hochpustertaler Dolomiten in winzigen Bergseen. Am Checkpoint stanzen wir unsere Karte und legen einen ersten Energieriegel nach. „Was hat dich dazu bewogen, den Stoneman zum Leben zu erwecken. Ging es dir in erster Linie um »Back to the roots«“, frage ich mit vollem Mund.

 

„Nein, nicht nur“, entgegnet Roland sofort. „Ich glaube, dass es generell wichtig ist im Leben Ziele zu haben und diese motiviert zu verfolgen. Der Stoneman kann so ein Ziel sein. Viele Biker suchen eine spannende, große Herausforderung. Aber ein allzu fixer Termin, der ständige Blick auf die Uhr und dazu noch der Rennstress können den Tiefgang oder die Essenz einer solchen Tour vernebeln. Für den Stoneman bedarf es keinerlei technischer Geräte. Biker können sich voll und ganz auf den Trail und die großartige Landschaft konzentrieren. Ohne ständig eine Karte zu wälzen, ein GPS-Gerät oder gar andere Rennfahrer im Auge zu behalten. Es bleibt der Mensch und die Natur. Der Stoneman bietet das Medium – den Trail.

Wir rauschen 1495 Höhenmeter feine, steile Singletrails und breitere Pisten hinab nach Winnebach. Der zweite Streich führt ebenso steil wieder hoch zur Sillianer Hütte. Bei einer Monsterportion Stoneman-Maccheroni plaudert Roland über die Anfangsschwierigkeiten bei der Realisierung des Stonemans. „Die meisten standen dem Projekt von Anbeginn sehr aufgeschlossen gegenüber. Natürlich gibt es auch Skeptiker oder Leute, die einen gleich für verrückt erklären. Die Route führt ja durch viele Gemeinden und verläuft hier am Karnischen Höhenweg auch auf der Österreichischen Seite. Wegerechte und Versicherung sind da immer ein heikles Thema. Wir klettern mit vollen Mägen zum 2550 Meter hohen Hornischegg. Es folgt die Demutpassage. Ein stets auf Messers Schneide tänzelnder Singletrail mit überwältigendem Panorama. Wohl eine der schönsten Passagen der Alpen. Bei der Abfahrt von der Demut (2592 m) fühlen wir uns plötzlich wie in Tibet. An einem besonders massiven Steinmann hat Roland unzählige Gebetsfahnen installiert. Lautstark flattern sie im Wind.

„Hat der Stoneman für dich auch spirituelle oder religiöse Bedeutung?“ „Die Gebetsfahnen habe ich von einer guten Freundin, die oft nach Tibet reist. Dieser Platz heißt tatsächlich Steinmann. Das steht so auch in allen Landkarten. Ich möchte das nicht buddhistisch oder religiös verklären, aber genau hier lässt sich die Natur ganz intensiv spüren. Keine Menschen, keine Straße, keine Lifte weit und breit. Nur das Pfeifen der zahlreichen Murmeltiere. Ein Platz zum Innehalten. So wie die Gebetsfahnen mit dem Wind Gebete in die weite Welt tragen, kann hier jeder ein wenig über den Horizont blicken, sich seine Gedanken machen, Zufriedenheit finden. Ich habe hier oben eine ganze Woche Steine aus dem Trail geklaubt, war völlig alleine und habe die harte Arbeit trotzdem fast schon als Meditation empfunden.“

 

Roland hat Recht. Der Platz hat good vibrations und innehalten ist sowieso super. Denn meine Muckis schlagen längst schon Alarm.

 

In Padola starten wir zum letzten großen uphill über den Kreuzbergpass hoch zu den Rotwandwiesen. Es wird schon schattig. Zum Glück lassen sich die letzten 700 Höhenmeter einfache Forststraße auch mit der letzten Reserve abspulen. Die Rotwand macht ihrem Namen alle Ehre und erstrahlt bereits im Sonnenuntergang. Der finale Downhill zementiert bereits ein anhaltendes Dauergrinsen in meinem Gesicht. Wie hatte es Roland so trefflich bei unserem ersten Gespräch formuliert: „Der Stoneman soll einen spannenden Mix aus intensivem Naturerlebnis und dem Ausloten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

sportlicher Grenzen liefern. Biker sollen positive Emotionen und eine gute Portion Zufriedenheit mit nach Hause nehmen.“

 

Stimmt! Auch wenn meine Grenzen leicht überschritten wurden. Physisch bin ich ein Wrack. Meine Beine werden noch in ein paar Tagen schmerzen. Aber psychisch wallt gerade ein regenbogenfarbener Tsunami in mir hoch. Was für eine wunderbar (Tor)tour!

 

Stoneman-Fakten:

4000 Höhenmeter, 120 km Länge, durchgehend markiert mit Bodenmarkierungen, fünf Checkpoints. Konditionell anspruchsvolle uphills, technisch herausfordernde Downhills, der Singletrail am Karnischen Höhenweg und die berüchtigte Demut-Passage sind nicht für Novizen geeignet! Am Info-Point in Sexten (8-10 und 16:30-20 Uhr) lässt sich das Stoneman-Paket mit Starterkarte, Registrierung, Karte mit Höhenprofil sowie Giveaway erwerben und in den Trail einsteigen.

 

Unter www.stoneman.it gibt es eine gute Übersichtskarte und allen nötigen Links zu den Partnerhotels, Bikeshops, Checkliste …

 

Infos allgemein: Drei Zinnen Marketing, Tel. + 39 0474 913156, www.drei-zinnen.info

 

Anreise:
Auto: A 22 Kufstein-Brenner, kurz vor Brixen Abfahrt Richtung Bruneck und auf der SS49 den Talorten des Hochpustertals: Niederdorf, Toblach, Innichen, Sexten, Moos, Fischleinboden.

 

Zug/Bus: Mit der Bahn über den Brenner zum Bahnhof Franzensfeste. Dort lokale Bahnlinie Richtung Innichen mit Haltestellen in Niederdorf, Toblach und Innichen. Sexten und das Pragsertal sind mittels der örtlichen Busverbindungen von Innichen und Niederdorf aus problemlos erreichbar.

 

Und das Beste noch zum Schluss: Mittlerweile hat Roland auch im Erzgebirge und in den Berner Alpen Stoneman-Trails zum Leben erweckt, es gibt auch schon einen Stoneman für Rennrad-Enthusiasten und einen Stoneman-Hike für Wanderer.

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